Aktuelle Empfehlungen

Drucken

Aktuelle Empfehlungen

Autor
Nordenhof, Asta Olivia

Geld in der Tasche

Untertitel
Roman. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Beschreibung

Geld in der Tasche von Asta Olivia Nordenhof beginnt mit einer namenslosen Ich-Erzählerin, die am Straßenrand einen weißhaarigen Mann sieht. Sie fühlt sich an etwas erinnert, kann ihn nicht vergessen, sucht ihn und findet einen Hof, auf dem eine vierköpfige Familie wohnt. Diese Familie aber passt nicht zu ihrer Vorstellung – und so entstehen in ihrer Fantasie Kurt und Maggie. Aber sie sind gleichzeitig sehr real – in ihren realen Verhältnissen, in denen die Abwesenheit von Geld regiert, und am Rande betroffen von einem realen Schiffsunglück, dem Brand auf der Scandinavian Star am 7. April 1990, bei dem 157 Menschen ums Leben kamen und von dem das Buch und die Geschichte von Maggie und Kurt eine Inspektion, eine Detektivsuche nach den Ursachen ist, die auf einen Nenner gemeinsam zu laufen: „Der Kapitalismus ist ein Massaker.“

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Claassen, 2026
Format
Gebunden
Seiten
176 Seiten
ISBN/EAN
978-3-546-10103-5
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Asta Olivia Nordenhof ist eine preisgekrönte Lyrikerin und Schriftstellerin. Ihr Roman, Geld in der Tasche, wurde erstmals 2020 in Dänemark veröffentlicht und gewann den Literaturpreis der Europäischen Union sowie den PO-Enquist-Preis. Die Veröffentlichung sorgte international für Aufsehen, das Buch wird in sechzehn Sprachen erscheinen. Der zweite Band der Reihe, Das Teufelsbuch, wurde in Dänemark sofort zum Bestseller.

Ursel Allenstein studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen von u. a. Sara Stridsberg, Johan Harstad und Tove Ditlevsen. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.

Zum Buch:

Geld in der Tasche von Asta Olivia Nordenhof beginnt mit einer namenslosen Ich-Erzählerin, die am Straßenrand einen weißhaarigen Mann sieht. Sie fühlt sich an etwas erinnert, kann ihn nicht vergessen, sucht ihn und findet einen Hof, auf dem eine vierköpfige Familie wohnt. Diese Familie aber passt nicht zu ihrer Vorstellung – und so entstehen in ihrer Fantasie Kurt und Maggie. Aber sie sind gleichzeitig sehr real – in ihren realen Verhältnissen, in denen die Abwesenheit von Geld regiert, und am Rande betroffen von einem realen Schiffsunglück, dem Brand auf der Scandinavian Star am 7. April 1990, bei dem 157 Menschen ums Leben kamen und von dem das Buch und die Geschichte von Maggie und Kurt eine Inspektion, eine Detektivsuche nach den Ursachen ist, die auf einen Nenner gemeinsam zu laufen: „Der Kapitalismus ist ein Massaker.“

Das Buch ist in 11 Kapitel unterteilt, in denen die Erzählerin auch Maggie, Kurt oder deren Tochter Sophie zu Wort kommen lässt. Stilistisch erinnert Geld in der Tasche an die autofiktionalen Erzählungen der letzten Jahre, allerdings gebrochen durch die eindeutig unzuverlässige Erzählerin, die die Fiktionalität der Familie am Anfang zwar benennt, in die Kapitel dann aber damit einsteigt, dass sie das Wort den Beteiligten übergibt, ihnen die Würde lässt, selbst zu erzählen.

Maggies und Kurts Leben sind geprägt von Armut und Gewalt. Beide erzählen von ihrem Aufwachsen in gewaltvollen Verhältnissen. Während Maggie früh gelernt hat, ihren Körper für Geld und Liebe einzusetzen, reagiert Kurt auf die Abwesenheit von Geld, Sicherheit und die Unfähigkeit, die Liebe aufrecht zu erhalten, selbst wieder mit Gewalt. In der erzählten Gegenwart leben sie gemeinsam auf dem Hof, versuchen, sich so gut es geht aus dem Weg zu gehen. Maggie stirbt einen frühen Tod, der mit der richtigen und frühzeitigen Behandlung vermeidbar gewesen wäre. Die lose erzählerische Verbindung zu dem Schiffsunglück bildet Kurts gescheiterte finanzielle Investition. Er, der sein Leben lang nichts besaß, misstraut Banken und Finanzinstitutionen, wird aber von einem Bekannten überredet, in die Aktien der Scandinavian Star zu investieren, und verliert am Ende alles.

In der Mitte des Buches steigt die Erzählerin wieder mit ihrer eigenen Erzählung über die Scandinavian Star ein. Sie berichtet detailliert über das Schiffsunglück und recherchiert Quellen, die alle auf die naheliegende Diagnose zulaufen, dass es sich bei dem Brand um einen Versicherungsbetrug handelte: Die Möglichkeit, 24 Millionen Dollar für das Schiff zu bekommen und dabei die Toten als Nebenprodukt, als Unglück in Kauf zu nehmen. Die Wut der Erzählerin steigert sich mit jeder Seite: „Der Tod ist kein Fehler. Er ist Teil der herrschenden Ordnung.“ Niemand ist für dieses Verbrechen ins Gefängnis gegangen, das Geld konnte die Seiten wechseln, die Kapitalverhältnisse bleiben für Unbeteiligte unverständlich und scheinbar nicht einmal für die Gerichte nachvollziehbar. Gleichzeitig wird in Dänemark der Opfer zumindest gedacht, anders als den Textilarbeiter*innen im globalen Süden, die für skandinavische Unternehmen gearbeitet haben.

Nordenhofs Buch ist politisches Manifest und klug erzählte Familiengeschichte zugleich. Die verschiedenen Ebenen durchdringen sich und funktionieren in ihrer großen Klarheit miteinander. Geld in der Tasche ist der erste Band einer Reihe, die siebenteilig werden soll – der zweite Band ist bereits auf Deutsch erschienen und verspricht ebenso, Teil eines umfassenden und bestechend ehrlichen Werkes zu werden.

Paula Blömers, autorenbuchhhandlung marx & co, Frankfurt a.M.