Zum Buch:
New York 2012. Acht Jahre ist es jetzt her, dass die Welle das Paradies von Marissa und Arielle verwüstete und Chaos, Leichen und sehr viel Leid hinterließ. Marissa taumelt noch immer haltlos durch ihr Leben, verpackt für ihren Arbeitgeber Luxusurlaub für Reiche in austauschbare Worthülsen: „unberührte Strände“, „kristallklares Wasser“, „abgeschieden“, „magisch“, „glitzernd“. Durchforstet begierig die Nachrichtenkanäle nach Naturkatstrophen, als gäbe ihr die andernorts drohende Verwüstung Trost oder zumindest das Gefühl, in ihrem Schmerz nicht allein zu sein. In Albträumen und auch im Wachen bei Tag ist Arielle neben ihr, flüstert Kommentare und macht sich lustig über andere. Die Abwesenheit ihrer toten besten Freundin ist oftmals stärker als die Anwesenheit realer Menschen in Marissas Umgebung und verschwindet nur dann für ein paar Stunden, wenn sie sich auf einen ihrer vielen One-Night-Stands einlässt.
In Rückblenden setzt Tara Menon die Puzzlestücke von Marissas Kindheit zusammen. Nach dem Unfalltod ihrer Mutter hatte ihr Vater in seiner Trauer entschieden, die wissenschaftliche Arbeit seiner verstorbenen Frau in Thailand fortzusetzen. Er findet nach den häufigen gemeinsamen Forschungsreisen auf den Meeren der Welt jetzt Trost in der Forschungsstation seiner Frau und baut dort auf einer kleinen Insel nahe Phuket, abseits der Touristenströme gemeinsam mit einer Kollegin und anderen Gestrandeten ein neues Zuhause für sich und seine kleine Tochter auf. Als Marissa Arielle begegnet, weiß sie sofort, dass sie Freundinnen werden, schon weil die Filme und Lieder der gleichnamigen Meerjungfrau ihre Kindheit prägten. Marissa wächst zwar ohne Mutter, dafür aber im Paradies zwischen der Insel und dem Hotel von Arielles Eltern auf. Die beiden Mädchen lernen, Wetter und Wellen zu lesen wie eine eigene Sprache, üben, minutenlang unter Wasser zu bleiben, beobachten die Natur an Land und unter Wasser und kennen nicht nur alle Vogelarten, sondern auch die immer an den gleichen Buchtabschnitt zurückkehrenden majestätischen Mantarochen beim Namen.
Viele von uns werden sich noch an den durch ein Erdbeben im Indischen Ozean ausgelösten Tsunami am 26. Dezember 2004 erinnern, an diesen zweiten Weihnachtsfeiertag, unterbrochen und durchsetzt von rasant steigenden Opferzahlen und ersten Fernsehbildern der Verwüstung. Die meterhohen Wellen, die alles mit sich rissen, trafen Urlauber:innen und Einheimische an einem strahlend sonnigen Tag völlig unvorbereitet. Die verstummenden Vögel und das panische, auffällige Verhalten der Tiere hätten lebensrettende Hinweise geben können, wenn die Menschen ihnen Beachtung geschenkt und sich in Sicherheit gebracht hätten.
Unter Wasser ist ein Roman über Verdrängung und Trauma, über eine glückliche Kindheit, Freundschaft und die unaufhaltbare Macht der Natur. Der in Indien geborenen Autorin Tara Menon ist es in ihrem soghaften Debüt gelungen, gleichzeitig Bilder des Glücks und solche paralysierender Trauer zu erzeugen. Ihre Sprache ist dabei klar, eindeutig und immer ohne Pathos.
Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt