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Autor
Yaghoobifarah, Hengameh

Ministerium der Träume

Untertitel
Roman
Beschreibung

Das Ministerium der Träume ist ein Ministerium der Alpträume, der privaten und der Deutschlands. Yaghoobifarah erzählt von Nazis und von Schwesternliebe, von Freundschaft und von Lebenslust – und von der unbändigen Freude am Erzählen. Yagoobifaraah kann erzählen, und sie hat was zu erzählen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Blumenbar Verlag, 2021
Format
Gebunden
Seiten
384 Seiten
ISBN/EAN
978-3-351-05087-0
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Hengameh Yaghoobifarah, geboren 1991 in Kiel, studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik in Freiburg und Linköping. Nach einem Zwischenstopp in Wien zog Hengameh Yaghoobifarah 2014 nach Berlin und arbeitet dort seitdem in der Redaktion des Missy Magazine. Außerdem schreibt Hengameh Yaghoobifarah frei für deutschsprachige Medien, seit 2016 etwa die Kolumne »Habibitus« für die taz. 2019 hat Hengameh Yaghoobifarah gemeinsam mit Fatma Aydemir die viel beachtete Anthologie »Eure Heimat ist unser Albtraum« herausgegeben.

Zum Buch:

Hengameh Yaghoobifarahs Ministerium der Träume ist für mich eindeutig eine der spannendsten Neuerscheinungen in diesem Frühjahr: Mit was für einer Wucht, mit was für einem Furor erzählt die Ich-Erzählerin Nasrin hier von ihrem Leben.

Die zwei Schwestern Nasrin und Nushin leben im Teheran der späten 70er, frühen 80er Jahre. Die Erinnerungen der älteren Schwester Nasrin an die Kindheit im Iran sind schwach, kreisen um Prügeleien im Kinderzimmer, um Ausflüge zu Eisdielen, die nicht vor leckeren Eissorten, sondern im Bunker der gehässigen Nachbarinnen enden; sie kreisen schließlich um die als Urlaub getarnte Flucht. In Rückblicken erzählt die nun schon erwachsene, in einer queeren Berliner Bar arbeitende Nasrin vom Ankommen und Aufwachsen in Deutschland, den liebevollen Bemühungen des Freundes Amu Manoucher, die ersten Möbel auf dem Sperrmüll zusammenzuklauben für die erste, eigene Familienwohnung.

Mercedehs Ehemann, Narsins und Nushins Bâbâ, wird die Flucht aus dem Iran nicht mehr gelingen – er wird hingerichtet: Edâm. Während die Mutter an dieser Nachricht zerbricht, versuchen die Mädchen, im kleinen Lübeck heimisch zu werden. Sie wählen einen Weg, der nicht der ihrer Mutter ist – angepasst, unsichtbar, verzweifelt –, sondern grell, laut und queer. Sie sind jung, sie entdecken das Leben, die Liebe und die kleinen Feste in kleinen Städten: den Jahrmarkt. So lächerlich er auch scheinen mag, eines ist klar, wer ihn besuchen darf, gehört dazu. Nasrin und ihre Freunde werden vertrieben. Diese Szene der Vertreibung mag sehr plakativ sein, unwahr ist sie deshalb nicht, und ich kann mich zugleich an keinen Roman erinnern, der mir so eindringlich davon erzählt, wie es ist, von Neonazis verfolgt zu werden, nur weil man nicht die richtige Haarstruktur oder Hautfarbe hat. Neonazis umzingeln Nasrin und ihre Freunde. Sie locken sie raus, auf die Grünfläche, auf den Parkplatz, da steht doch eine Polizeistreife – aber die Polizisten schauen weg, „als wäre nichts auffällig an einer Gruppe von Ausländern, die von fünf Glatzköpfen in eine dunkle Ecke gedrängt werden.“ Es ist die Zeit der Brandanschläge auf Asylbewerberheime, es ist die Zeit, in der Deutschland die WM gewinnt. „Nationalismus“, so stellt Nasrin fest, „Nationalismus war die billigste Droge.“

Yaghoobifarah erzählt von Nazis und von Schwesternliebe, von Freundschaft und von Lebenslust – und von der unbändigen Freude am Erzählen. Yagoobifaraah kann erzählen, und sie hat was zu erzählen. Sie nimmt alles ernst und kann trotzdem darüber lachen. Das Ministerium der Träume ist auch ein Ministerium der Alpträume, der privaten und der Deutschlands. Als Nushin am Anfang des Romans bei einem Autounfall ums Leben kommt (Nasrin muss sich fortan um ihre verwaiste und schwer pubertierende Nichte Parvin kümmern), stellt sich die Frage, die letztlich den gesamten Roman durchzieht und uns als Gesellschaft betrifft: Selbstmord, Mord oder Unfall? Es ist die Frage nach Schuld – privat oder systembedingt –, nach Einzeltäter oder Netzwerk und schließlich auch nach dem Schicksal.

Yaghoobifarahs Roman ist alptraumhaft und aufklärerisch, anklagend und selbstkritisch – und in seiner grellen Sprache vor allem sehr oft sehr lustig. Keine „Betroffenheitsliteratur“, sondern streitbar, witzig und laut. Hengameh Yaghoobifarah ist eine beglückende neue Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt