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Autor
Oelze, Anselm

Die Grenzen des Glücks

Untertitel
Eine Reise an den Rand Europas
Beschreibung

Gerade mal ein halbes Jahr ist es her, dass die Bilder vom brennenden Flüchtlingslager Moria die Nachrichten bestimmten. Vermutungen über Brandstiftung, die Suche nach einem Behelfslager und auch Demonstrationen zur Aufnahme schutzloser Geflüchteter wurden jedoch schnell aus den Schlagzeilen verdrängt. Corona-Querelen, Wahlen in den USA und Impfstoff-Debatten schienen uns näher zu sein als die Außengrenzen Europas. Der Schöffling Verlag beschreibt dieses Buch als eindringliche literarische Reportage – ich würde hinzufügen: eine unbedingt lesenswerte!
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Schöffling Verlag, 2021
Format
Kartoniert
Seiten
112 Seiten
ISBN/EAN
978-3-89561-133-9
Preis
15,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Anselm Oelze, geboren 1986 in Erfurt, studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Philosophical Theology in Freiburg und Oxford. Nach seiner Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin forschte und lehrte er an der Universität Helsinki und an der LMU München. 2019 erschien bei Schöffling & Co. sein Debütroman Wallace, mit dem er für den Debütpreis der lit.COLOGNE nominiert war. Er lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Leipzig.

Zum Buch:

Gerade mal ein halbes Jahr ist es her, dass die Bilder vom brennenden Flüchtlingslager Moria die Nachrichten bestimmten. Vermutungen über Brandstiftung, die Suche nach einem Behelfslager und auch Demonstrationen zur Aufnahme schutzloser Geflüchteter wurden jedoch schnell aus den Schlagzeilen verdrängt. Corona-Querelen, Wahlen in den USA und Impfstoff-Debatten schienen uns näher zu sein als die Außengrenzen Europas.

Anselm Oelze reiste nach Lesbos und erhielt ungehinderten Zugang zu Kara Tepe, dem in aller Eile errichteten Ausweich-Camp. Er konfrontiert sich und uns mit den Menschen, die dort unter denkbar schlechten Bedingungen auf eine Genehmigung ihrer Asylanträge hoffen. Die Beschreibung der Organisation und der Tagesabläufe in einem solchen Lager, das durch seine ungünstige Lage direkt am Meer tagsüber der prallen Sonne und nachts dem schon damals herbstlich kühlenden Wind ausgesetzt war, eröffnet das Ausmaß der Komplexität der Probleme: eine einzige Essensausgabe pro Tag, keinerlei Möglichkeit der Geflüchteten, sich zu beschäftigen und sich damit auch von ihren jeweiligen Fluchterlebnissen abzulenken, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Resignation. Bevor man sich um die Errichtung sanitärer Anlagen kümmerte, wehten über Kara Tepe schon die von Weitem sichtbaren Flaggen des DRK und Griechenlands an professionell einbetonierten Fahnenstangen.

Der 1986 geborene Autor setzt sich mit seiner Scham über seine und unsere Tatenlosigkeit angesichts des Leids an den Außengrenzen Europas auseinander, ohne zu moralisieren. Er fragt nach der historischen Entstehung und Sinnhaftigkeit politischer Grenzen, streift bildungsbürgerliche Strategien zur Verbesserung globaler Lebensumstände durch vermeintlich faireren Handel und daran gekoppelten Konsum einer sogenannten „aspirational class“ und führt Kants Begriff des Weltbürgerrechts an, demzufolge Fremde nicht von vorneherein feindlich behandelt werden dürfen.

Oelze verlässt mit seiner Reise und mit diesem Essay den resignativen Rückzugsort, an den wir uns alle allzu oft angesichts der Komplexität der Fluchtthematik verziehen. Was kann ein einzelner schon tun? Die Grenzen des Glücks ist ein Plädoyer dafür, sich nicht mit der vermeintlichen Unabänderlichkeit von Um- und Zuständen abzufinden, ein Plädoyer für das Übernehmen von Verantwortung, ohne die Schwierigkeiten, die daraus erwachsen, herunterzuspielen. Es ist eine Erinnerung daran, dass Grenzziehungen zwischen uns und „den anderen“ nie einfach so geschehen, meist politisch gewollt, also gewählt und damit auch veränderbar sind.

Der Schöffling Verlag beschreibt dieses Buch als eindringliche literarische Reportage – ich würde hinzufügen: eine unbedingt lesenswerte!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt