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Autor
Prtenjača, Ivica

Der Berg

Untertitel
Roman. Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof
Beschreibung

Ein Mann in den mittleren Jahren, angeekelt von seinem Leben in der Kunst- und Verlagsszene in Zagreb, von seiner erkalteten Ehe, von sich selbst, beschließt, die Sommermonate auf einer kleinen Adriainsel zu verbringen. Als Brandwächter wird er alleine, nur mit einem alten Esel, auf der Kuppe eines Berges in einem Wachtturm wohnen und nach möglichen Feuern Ausschau halten. Was als Flucht geplant war, entwickelt sich zu einer Konfrontation – mit der Natur, mit dem Alleinsein, mit den Touristen und mit sich selbst.

Der Berg könnte die übliche Geschichte von Zivilisationsflucht und Selbstfindung sein, aber die Nähe zum letzten Krieg in Kroatien und die traditionell männlich geprägte Gesellschaft bringen eine Härte in das Geschehen, die vor jeder Idyllisierung schützt und das Buch zu einer absolut lesenswerten Lektüre macht.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Folio Verlag, 2021
Format
Gebunden
Seiten
163 Seiten
ISBN/EAN
978-3-85256-829-4
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Ivica Prtenjača, geboren 1969 in Rijeka, Kroatien, wo er an der Fakultät für Bildungswissenschaften Kroatisch studierte. Er arbeitete als Wasser- und Gasableser, Eisverkäufer, Bauarbeiter, Lagerist und Galerist, Feuerwehr- und Kaufmann, Buchhändler, Werbefachmann. Seine Texte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, u. a. ins Französische, Englische und Italienische und mehrfach ausgezeichnet.

Zum Buch:

Ein Mann in den mittleren Jahren, angeekelt von seinem oberflächlichen Leben in der Kunst- und Verlagsszene in Zagreb, von seiner erkalteten Ehe, von sich selbst, beschließt, die Sommermonate auf einer kleinen Adriainsel zu verbringen. Als Brandwächter wird er auf der Kuppe eines Berges in einem Wachtturm wohnen und nach möglichen Feuern Ausschau halten.

Nach seiner Ankunft auf der Insel steigt der Ich-Erzähler zusammen mit Dino und Stanko, zwei Männern von der Feuerwache, und einem alten, mit Vorräten und Gerätschaften bepackten Esel zur “Karaule”, in der er während seiner Zeit auf dem Berg wohnen wird – allein, ausgerüstet mit dem “Motorola” für den Kontakt zur Feuerwache, einem starken Fernrohr, seinem “Auge”, und dem Esel. Den Erzähler – seinen Namen erfährt der Leser nicht – bringen die anderthalb Stunden Aufstieg körperlich an seine Grenzen. Auch weil ihm nun, da seine vagen Vorstellungen der Realität ausgesetzt sind, beklommen wird. Die karge Unterkunft, die überall herumliegenden Panzerschleichen – fette schwarzen Schlangen –, die Spuren der Wildschweine und die Aussicht auf die Nacht mit ihren ungewohnten Geräuschen lassen eine leise Angst in im hochkriechen.

Der Alltag auf dem Berg besteht aus langen Kontrollgängen im Gelände, Beobachtungen auf der Aussichtsplattform durch das Fernrohr, Zubereitung der Mahlzeiten. Langsam wird der Mann kräftiger – ruhiger wird er nicht. Was als Flucht aus einem als sinnlos empfunden Leben geplant war, entwickelt sich zu einer Konfrontation – mit der Natur, mit dem Alleinsein und mit sich selbst und seinen Erinnerungen.

Je weiter der Sommer voran schreitet, desto mehr Touristen kommen auf den Berg. Wanderer, die ihren Müll hinterlassen, trommelnde Sinnsucher, die in der knackenden Hitze Räucherstäbchen entzünden, Pilger, nächtliche Jäger, die mit schallgedämpften Gewehren Wildschweine jagen. Sie bringen ihn zunehmend an die Grenze seiner Duldsamkeit. Die Befürchtung, irgendwann die Kontrolle zu verlieren, versucht er zu besänftigen, in dem er, dessen Vater Bäcker war, selbstgebackenes Brot an sie verteilt.

Als er den Berg wieder verlässt, ist er verändert. Er hat erkannt, dass es keine wirklichen Fluchtorte gibt – denn auch die Insel wandelt sich. Ein anderer Mensch ist er nicht geworden, aber einer, der sich dem Leben wieder zuwenden kann.

Der Berg könnte die übliche Geschichte von Zivilisationsflucht und Selbstfindung sein. Die Nähe zum letzten Krieg in Kroatien und die traditionell männlich geprägte Gesellschaft bringen jedoch eine Härte in das Geschehen die, zusammen mit einer präzisen, wunderbar farbigen und einfühlsamen Sprache, das Buch vor jeder Idyllisierung schützt und es zu einer absolut beeindruckenden Lektüre macht.

Ruth Roebke, Bochum