Zum Buch:
Ein Außenbezirk von Kinshasa. Papa Nkasi, dessen dürre Beinchen über der Bettkante baumeln, hockt in seiner Wellblechhütte und rasiert sich im Licht einer flackernden Glühbirne mit einer abgebrochenen Wegwerfklinge. Trocken. Ohne Schaum. Ohne Wasser. Er spannt mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand die ledrige Haut über dem Wangenknochen und schabt mit der anderen, klopft ab und schabt. Es ist brütendheiß in der Hütte. Von draußen dringt das Schreien spielender Kinder herein, das überall auf der Welt gleich klingt. Hunde bellen in der Nachbarschaft. Der belgische Journalist David Van Reybrouck, zu seinen Füßen eine warme Fantadose, sitzt dem alten Mann in einem Autositz gegenüber und verdirbt sich bei dem wenigen Licht die Augen, da er sich seit Stunden mit nur kurzen Unterbrechungen wie rasend Notizen macht. In nächsten Augenblick schaut der 37jährige auf. Er weiß, vor diesem Tag hätte er sich im Leben nicht träumen lassen, jemandem einmal diese Frage zu stellen:
»Aber haben Sie dann Stanley noch gekannt?«
Papa Nkasi ist über 120 Jahre alt. Er hält kurz inne, klopft dann gemächlich die Rasierklinge auf der Bettkante ab und antwortet: »Stanley? Nein, den habe ich nie gesehen. Lutunu habe ich aber noch gekannt, einer seiner Boys. Er kam aus Gombe-Matadi, nicht weit weg von uns. Er trug nie Hosen.«
Hunderte Interviews und Gespräche mit ehemaligen Kindersoldaten, mit Missionaren, Kaufleuten, Rebellenführern, Waffenschmugglern und Politikern führte Van Reybrouck während seiner ausgedehnten Recherchereisen kreuz und quer durch den Kongo. Daraus entstanden ist ein völlig neues Bild des riesigen, an Bodenschätzen enorm reichen zentralafrikanischen Landes, dessen Geschicke zu allen Zeiten geprägt waren von Ausbeutung, menschenverachtender Gewaltherrschaft, Krieg und Korruption. Angefangen mit der Schreckensherrschaft des belgischen Königs Leopolds II, der seinem vergleichsweise winzigen Land unbedingt eine eigene Kolonie hinzufügen wollte, gefolgt von der viel zu überhasteten Entlassung in die Unabhängigkeit, die 32jährigen Diktatur Mobutus, der das Land in Zaire umbenannte und seine brutalen Söldnerarmeen in allen Winkel des Landes wie Tiere wüten liess, zum Erbe des Rebellenführers Kabila und bis hinein in die nicht eben glücklich scheinende Zukunft der Demokratischen Republik Kongo.
Was dieses nach seinem Erscheinen sogleich mehrfach ausgezeichnete Sachbuch ausmacht, ist nicht allein der Gehalt an Informationen und Hintergrundwissen, für die der Autor zahlreiche bisher unbekannte Dokumente heranziehen konnte. Vielmehr ist es gerade die Tatsache, dass sich Van Reybrouck immer wieder in den Text einbringt, dass wir, die Leser, ihn quasi auf seiner Reise begleiten können und somit das Gelesene enorm an Lebendigkeit und Verständlichkeit gewinnt. Anders ausgedrückt, der Mann schreibt so unglaublich gut, dass ich, von ihm auch ein Buch über Recklinghausen sofort lesen würde, wenn er denn eins schriebe. Ich weiß, Sie verstehen, was ich meine. „Kongo. Eine Geschichte“, ist genau das: eine verdammt spannend geschriebene Geschichte. Dieses Werk wird die Jahre überdauern und immer dann, wenn die Sprache auf den Kongo kommt, herangezogen werden.
Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln