Zum Buch:
„In einem Bauerndorf namens Ramsen nördlich des Rheins gab es vor über hundert Jahren einen Gasthof, der hieß ‚zur Moskau‘. Soviel zumindest ist wahr.“ Mit diesem ersten Satz aus Querfeldein, dem neuen Roman von Alex Capus, ist eigentlich schon alles klar: Die Zeit, der Schauplatz und die Gewissheit, dass im Folgenden nicht alles „wahr“ sein wird an der Geschichte, die der Autor so täuschend schlicht zu erzählen beginnt, aber möglicherweise doch einiges.
Ein Gasthof also. Eröffnet von dem Gelegenheitsarbeiter Arnold, der aus dem Ort stammt und durch Zufall zu dem dafür nötigen Geld gekommen ist. Politisch ist an dem Namen nichts; eigentlich sollte der Gasthof „Zur Eintracht“ heißen, denn Arnold ist ein friedfertiger Mensch. Aber dem setzen die örtlichen Witzbolde schnell ein Ende und einigen sich auf „Moskau“, da das Gebäude neben dem Hof eines notorisch aggressiven und eigenbrötlerischen Bauern liegt, der im Dorf nur „Peters Burg“ genannt wird. Das „Zur“ schließlich verdankt sich dem Schildermaler Sepp. Im Folgenden blüht das Geschäft so gut wie der als selbstverständlich geltende Schmuggel in beide Richtungen der Grenze, die Mischung aus Stammgästen und interessanten Reisenden aus nah und fern stimmt, und als dann noch quasi aus dem Nichts eine wilde Reiterin namens Betty vorbeikommt, ist Arnolds Glück vollkommen. Der Liebe auf den ersten Blick folgen in rascher Folge acht Kinder, von denen das älteste, die sehr freiheitsdurstige und etwas wilde Clara von Anfang an einigen Grund zur Sorge gibt. Ein Idyll also. Wahr oder nicht wahr? Egal.
Und dann taucht exakt in der Mitte des Buches Hermann auf, ein freundlicher Bär von einem Mann, der die „schräge Clara“ sofort bezaubert, aber auch ein gerissener Schmuggler, dem nichts mehr Spaß macht, als vor allem die deutschen Grenzer mit seiner unglaublichen Schnelligkeit und Ortskenntnis zur Weißglut zu bringen. Und hier gilt wieder: „Soviel zumindest ist wahr.“ Denn wie den Gasthof hat es auch diesen Hermann wirklich gegeben. Und als der gemütliche legale wie illegale Grenzverkehr 1933 von deutscher Seite sehr ungemütlich und Hermann – illegalerweise – nach Deutschland entführt wird, wird es dann doch noch politisch in Ramsen und im Gasthaus „Zur Moskau“ …
Alex Capus ist ein brillanter Erzähler, der nicht nur das Spiel von Fakt und Fiktion perfekt beherrscht, sondern vor allem in der Milieu- und Figurenzeichnung glänzt. Die Erzählung mäandert so täuschend schlicht daher, dass sie ihre Kunstfertigkeit eher verschleiert als offenbart. Die immer wieder wie nebenbei eingeschobenen Geschichten einzelner Dorfbewohner wie die des Schildermalers Sepp, machen den Roman jenseits des Plots zu einer fesselnden und tiefgründigen Comédie humaine, bei deren Lektüre man immer wieder zwischen lautem Gelächter, fröhlichem Schmunzeln und atemloser Spannung hin und hergerissen wird. Querfeldein ist ein hinreißender Roman, den man sich keinesfalls entgehen lassen sollte!
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.