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Levys Testament

Autor
Edschmid, Ulrike

Levys Testament

Beschreibung

Ulrike Edschmids Levys Testament ist ein fesselnder, knapper Roman, der erstaunlich viele genaue historische Bilder der 70ger Jahre und der Folgen erzählt. Die dichte Sprache und der gedrängte Stil wirken dokumentarisch, manche Szenen werden wie Fotografien oder Film-Stills sehr anschaulich erzählt. So vielschichtig die Handlung auch ist, so bleibt der Text doch zugänglich und leicht lesbar.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2021
Seiten
144
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-518-42974-7
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Ulrike Edschmid, 1940 in Berlin geboren, studierte Literaturwissenschaft sowie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. 2013 erhielt sie den Grimmelshausen-Preis, 2014 den Cotta-Preis und den Preis der SWR-Bestenliste für ihr Lebenswerk.

Zum Buch:

Der Roman beginnt im Jahr 1972 in Berlin. Die namenlose Ich-Erzählerin, Studentin der Berliner Filmakademie, reist von Berlin nach London, weil sie der Überwachung durch die bundesrepublikanische Polizei entkommen will. Nach dem Verschwinden ihres Freundes Philip S., der aus ihrem Leben „verschwunden und mit falschen Papieren untergetaucht ist“, will die Erzählerin nur raus aus der eingemauerten Stadt. In London lernt sie „den Engländer“ kennen und lieben, von ihm ist im weiteren Verlauf des Romans fast ausschließlich die Rede.

In knappen Sätzen wird die politisch aufgeheizte Situation der 70ger Jahre geschildert. Der Roman spielt in besetzten Häusern, in deren Wohngemeinschaften politisch debattiert wird; Flugblätter werden verfasst gegen Ausbeutung, gegen den Kapitalismus und den Imperialismus. Er berichtet von den Bombenanschlägen der IRA und der Angry Brigade, einer anarchistischen Gruppe, die Bomben auf Eigentum geworfen hat, aber keine Menschen töten wollte. Hier beschreibt Ulrike Edschmid eine grundlegende Differenz zu den deutschen politischen Kämpfen gegen „das System“. Gemeinsam mit anderen verfolgen die Ich-Erzählerin und der Engländer den Prozess gegen acht Anarchisten im Gerichtssaal des Old Bailey. Die Angeklagten erhalten drakonische Strafen. Das Paar erkundet London mit dem Bus, er zeigt ihr die Orte, an denen er aufgewachsen ist.

Sie leben gemeinsam in Berlin, danach in Frankfurt. Edschmid erzählt ihre Liebesgeschichte als Teil der politischen Bewegungsgeschichte der 70ger Jahre: die Frankfurter Häuserkämpfe, die „politische Fabrikarbeit“ (der Engländer arbeitet zwei Jahre bei Degussa), die Nelkenrevolution in Portugal, Flugblattaktionen gegen Francos Diktatur in Spanien. Das Paar trennt sich, aber sie bleiben in Freundschaft tief verbunden.

Dann beginnt ein ganz anderer Teil dieses Romans. Die Ich-Erzählerin ist nicht mehr agierender Teil der Erzählung. Sie erzählt das weitere Leben „des Engländers“: Er macht eine erstaunliche Karriere als Regisseur, wird später Professor für Theaterwissenschaft. Sehr spät wird er von einem Teil seiner Familie entdeckt, die er nicht kannte. Er wusste, dass er Jude ist, aber das spielte bisher nur eine Rolle zur Erklärung seiner Heimatlosigkeit und Nicht-Zugehörigkeit. So wie seine Mutter ihm prophezeite: „Du wirst nie dazugehören. Du bist Jude und wirst es immer bleiben.“ Das lebenslange Schweigen seines Vaters über die Geschichte seiner Herkunftsfamilie erweist sich im Nachhinein als ein völlig anderes und viel gewichtigeres Motiv für sein Nirgends-Dazugehören, Nicht-Sesshaft werden Können.
Nun sucht der Engländer nach seiner Familiengeschichte und findet eine Tragödie. Sie beginnt im frühen 20. Jahrhundert und handelt von einem Patriarchen und von einem großen Betrug, dessen Opfer der eine Sohn wird – der Großvater „des Engländers“. Der Urgroßvater hat einen Versicherungsbetrug begangen, sein Sohn Jacob musste die Schuld seines Vaters auf sich nehmen. Jacob wird in einem Gerichtsverfahren, das – wie das Verfahren gegen die Anarchisten – im Old Bailey stattfindet, zu einer Gefängnisstrafe mit Zwangsarbeit verurteilt. Er stirbt an den Folgen. Er selbst und seine Nachkommen, der Ginger Joe genannte Sohn Joseph und dessen Sohn, „der Engländer“, werden aus der Familie ausgestoßen und aus der Familiengeschichte getilgt. Die Familie des „Engländers“ überlebt in großer Armut, während der andere Teil der Familie reich und erfolgreich weiter leben kann. Der Vater „des Engländers“ hat sein Leben lang über seine Herkunft aus dem reichen Bürgertum und über das Schicksal des Großvaters geschwiegen. Es gab nie eine Entschuldigung und auch keine späte Wiedergutmachung.

Beim Lesen entsteht für die deutsche Leserin eine Erwartung, ein Grundgefühl des Grauens. Sie rechnet mit einem Schicksal von Verfolgung in der Schoa, sobald dieses Drama der jüdischen Familie auftaucht. Das ist im Blick auf die Erzählung eine falsche Erwartung, aus der die Lektüre allerdings ihre Spannung bezieht. Sehr lesenswert.

Barbara Determann, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt