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Homeland Elegien

Autor
Akhtar, Ayad

Homeland Elegien

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Beschreibung

All den Lesern, die die aktuelle politische Lage in den USA begreifen wollen, sei die Lektüre von Homeland Elegien von Ayad Akhtar dringend empfohlen.

Das Buch ist zugleich Roman, Memoir und Essay, und die vielen großartigen Dialoge lesen sich wie ein Theaterstück. Gekonnt vermischt Akhtar Fakt und Fiktion, um eine überaus spannende Einwanderergeschichte zu erzählen, in deren Mittelpunkt Vater und Sohn stehen, die wohl nicht zufällig die gleichen Namen wie der Autor und sein Vater tragen. Erzählt wird aber nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch die Geschichte des langsamen und stetigen Verfalls einer Nation, der in dem Neoliberalismus der 80er seinen Anfang hat, und an dessen Ende die Präsidentschaft Trumps steht.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Claassen Verlag, 2020
Seiten
464
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-546-10014-4
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Ayad Akhtar, geboren 1970, wuchs als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee, Wisconsin auf. Er ist der meistgespielte US-amerikanische Dramatiker der Gegenwart. Sein Debüt Geächtet gewann zahlreiche wichtige nationale und internationale Preise, darunter den Pulitzer Theaterpreis und den Nestroy-Theaterpreis. Seine Stücke werden an allen großen deutschsprachigen Bühnen gegeben. Homeland Elegien ist nach Himmelssucher (2012) sein zweiter Roman.

Zum Buch:

All den Lesern, die die aktuelle politische Lage in den USA begreifen wollen, sei die Lektüre von Homeland Elegien von Ayad Akhtar dringend empfohlen.

Das Buch ist zugleich Roman, Memoir und Essay, und die vielen großartigen Dialoge lesen sich wie ein Theaterstück. Gekonnt vermischt Akhtar Fakt und Fiktion, um eine überaus spannende Einwanderergeschichte zu erzählen, in deren Mittelpunkt Vater und Sohn stehen, die wohl nicht zufällig die gleichen Namen wie der Autor und sein Vater tragen. Erzählt wird aber nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch die Geschichte des langsamen und stetigen Verfalls einer Nation, der in dem Neoliberalismus der 80er seinen Anfang hat, und an dessen Ende die Präsidentschaft Trumps steht.

Der Autor holt dabei weit aus. Von dem Grauen des Indien-Pakistan-Konfliktes, der die Eltern zur Emigration treibt, führt er den Leser über den Afghanistan-Konflikt durch die postkoloniale Kriegsszenerie der letzten Jahrzehnte in das Amerika nach 9/11. Weltpolitik hat immer unmittelbaren Einfluss auf die Familiengeschichte, und die Konflikte ziehen dabei oft tiefe Gräben durch die eigene Familie.

Der Roman beginnt im Jahr 2016 mit der Kandidatur Trumps und dem Beinahe-Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, denn der Sohn erkennt die Gefahren für die Nation, während der Vater ein glühender Bewunderer von Trump ist. Diese Bewunderung hat ihren Anfang in den 90ern, als Sikander Akhtar, Donald Trump als Arzt behandelt. Aus einer anfänglichen gegenseitigen Beargwöhnung wird fast so etwas wie eine Freundschaft. Ob diese Begegnung wirklich stattgefunden hat, sei dahingestellt, deutlich wird aber, wie manipulativ Trump agiert und sich die Zuneigung des Vaters letztlich erkauft. Am Ende des Romans distanziert sich der Vater von dieser Bewunderung, denn Trump ist mittlerweile 2 Jahre im Amt: Populismus und Hetze sind der neue politische Ton, Statements zu weltpolitischen Geschehnissen werden in würdelosen Kurznachrichten gepostet – in Sikanders Augen hat Trump sein Amt missbraucht und beschädigt. Beruflich wie privat gescheitert, aber nicht verzweifelt, geht er zurück nach Pakistan, das er nach Jahren des Leugnens als seine wahre Heimat ansieht.

Der Sohn, nach anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile ein anerkannter Autor, sucht lange nach einer inneren Heimat, die er zunächst in der Literatur findet. Die zunehmenden Anfeindungen gegen Muslime nach 9/11, denen er sich, obwohl er sich selbst nie als Moslem gesehen hat, immer häufiger ausgesetzt sieht, lassen ihn nach seiner kulturellen Identität fragen, die er aber nicht selbst bestimmen kann, weil sie ihm von außen gegeben wird. Er schreibt sich frei und bekommt dafür die höchste literarische Anerkennung: den Pulitzerpreis. Obwohl scheinbar angekommen, bleibt er doch immer der Exot, der Fremde. Hier wird das Buch fast zum Coming-of-ageRoman.

Die vielen großen Themen des Buches werden wie in einem Theaterstück durch das Auftreten verschiedener Figuren in großartigen Dialogen mit dem Erzähler behandelt.

So erklärt zum Beispiel ein Hedgefond-Manager, wie er auf einem persönlichen Rachefeldzug viele Städte in die Pleite und Armut getrieben hat, wie er mit Geldern anderer spielt, um sich selbst zu bereichern. Der Erzähler ist zunächst bestürzt, kommt aber selbst durch ein zwielichtiges Insidergeschäft zu Reichtum. Auch das ist einer dieser inneren Widersprüche, denen sich der Erzähler stellen muss.

Der ungebremste Kapitalismus, der so viele Existenzen ruiniert und ganze Städte und Landstriche verödet hat, ein Krankensystem, das einen Großteil der Bevölkerung ausschließt, und die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich sind ein Teil der amerikanische Realität. Ein Präsident, der Populismus und Hass schürt, bringt das Land an den Rand der Spaltung, so lautet das Fazit des Romans. Wie recht der Autor damit hat, mussten wir leider erleben. Den Präsident sind wir jetzt los, aber die Wunden müssen aber heilen.

Homeland Elegien ist kein Klagelied, sondern ein vielschichtiger Roman, spannend erzählt und sehr klug.

Andrea Schulz, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt