Zum Buch:
Eine junge Frau, verschwindet aus einem Kinderleben: Stewardess, Patentante und für das Kind die „Reisefee“, die ihm Ansichtskarten aus fernen Ländern schrieb und bunte Geschenke aus exotischen Ländern mitbrachte, eine „fröhliche, lebhafte, lebendige junge Frau – die Farbe in eine Schwarzweißwelt brachte“. Lange bleibt das Verschwinden unerklärt, wird beschönigt mit Ausreden, die dem Kind nicht recht glaubhaft zu sein scheinen. Dann erfährt das Mädchen von anderen: die junge Frau sei tot, sie sei im Mai 1961 abgestürzt mit Flug AF406 über der algerischen Wüste. Es gab keine Überlebenden. Und es gab nur unklare und spärliche Angaben über die Gründe für den Absturz. Jahrzehnte später sucht die jetzt erwachsene Frau, für die dieses Verschwinden der „Fluchtpunkt (ihrer) Existenz“ geworden ist, nach Antworten – bei Behörden, bei der Flugsicherheit, im Internet. Und kommt nicht viel weiter.
Soweit die grobe Inhaltsangabe des Geschehens. Aber Offener Himmel ist kein Roman über eine Suche nach Gewissheit, ja eigentlich gar kein „Roman“ im üblichen Sinne mit einer mehr oder weniger linearen Handlung. Am Anfang tritt eine Frau, ein Schattenwesen, aus einem Chor heraus, um Zeugin zu sein. Sie folgt einer „Frau ohne Alter“, dem Kind von damals, in die Ausstellung I will survive mit Video-Installationen von Hito Steyerl. Die Unbekannte offenbart in zunächst zögernden, dann immer ausführlicheren Gesprächen die Gründe und Einzelheiten ihrer Suche nach den Ursachen des Absturzes, die inneren und äußeren Hindernisse, die Fragen, die Rätsel. Ihre Recherche lässt am Schluss zwei Möglichkeiten offen: ein Attentat auf die mitreisenden Politiker aus dem Tschad und der Zentralafrikanischen Republik oder ein versehentlicher Abschuss des französischen Militärs, das in dem Flugzeug Waffen für die FLN im algerischen Bürgerkrieg vermutete.
Langsam, sehr langsam schält sich diese reale Geschichte einer Flugzeugkatastrophe aus einem absolut faszinierenden Geflecht aus Reflektionen zu Tod und Leben, Ferne und Nähe, Reisen, Fliegen und Raumfahrt heraus. Der meisterhaft komponierte Assoziationsreigen, der sich aus Philosophie, Literatur, Kunst, Musik, Science fiction, Film, ja der gesamten condition humaine speist, übt einen melancholischen Zauber aus, dem man sich kaum entziehen kann. Am Ende bleibt man staunend zurück – und der Blick auf den „offenen Himmel“ wird für lange Zeit ein anderer sein.
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.